Das Niederwaldprojekt: Schutz durch Nutzung –
multifunktionale Entwicklung von Niederwäldern in Rheinland-Pfalz

60jähriger Niederwald

In Rheinland-Pfalz befinden sich rund 160.000 ha aus Stockausschlag entstandene Wälder, denen eine erhebliche naturschutzfachliche Bedeutung zukommt und die zugleich ein bedeutendes Holzpotenzial darstellen. Sie werden teilweise als Niederwälder genutzt, vor allem durch traditionelle Nutzungsgemeinschaften und im Rahmen naturschutzfachlicher Pflegemaßnahmen. Häufig befinden sie sich auch in verschiedenen Stadien der Überführung. Im Zuge der in jüngster Vergangenheit verstärkten Nachfrage nach Energieholz gewinnt die Niederwaldbewirtschaftung mit dem Ziel der Brennholzerzeugung wieder an Attraktivität. Es bestehen jedoch erhebliche Unklarheiten über geeignete Bewirtschaftungsformen sowie über ihre Auswirkungen vor allem in naturschutzfachlicher Hinsicht. Zudem zeichnet sich ein dringender Handlungsbedarf ab, denn die vielfach unterbliebenen Nutzungen drohen zu einem Verlust der niederwaldtypischen Flora und Fauna zu führen. Auch die Verminderung des Verjüngungsvermögens der Stöcke ist möglich, so dass die Folgegeneration ausbleibt und in Steillagen Stabilitätsprobleme (Erosion) auftreten können.

Ziel des vorliegenden Projektes ist die Entwicklung von naturschutzfachlich- und nutzungsorientierten Bewirtschaftungsmodellen für Niederwälder. Dabei soll der multifunktionale Anspruch im räumlich-zeitlichen Kontext dargestellt werden, d.h. Aussagen darüber erzielt werden, welche Funktionen Niederwälder wann im Bewirtschaftungszyklus auf welchen Flächen erbringen können. Die Ergebnisse werden in Form von konkreten Entscheidungshilfen für die Praxis verfügbar gemacht.

Das Projekt setzt sich aus drei Bausteinen zusammen:

Auf der Basis einer landesweiten Bestandserfassung wird zunächst eine Typisierung der durch Stockausschlag entstandenen Wälder in Rheinland-Pfalz erreicht.

Im Mittelpunkt eines zweiten Schritts stehen verschiedene Managementoptionen, die sowohl die klassisch-traditionelle wie auch „moderne“ Formen der Niederwaldbewirtschaftung (z.B. Niederwälder zur Waldrandgestaltung, Niederwälder auf Windwurfflächen) sowie weitere Bewirtschaftungsvarianten umfassen. Diese unterschiedlichen Bewirtschaftungsformen werden aus dem Blickwinkel von Naturschutz, Waldbau und Forstbenutzung untersucht, woraus sich ein Überblick über mögliche wirtschaftliche und ökologische Funktionen des Niederwalds im regionalen Kontext ergibt. Daraus abgeleitet werden Hinweise darauf, wo und in welchem Umfang Niederwaldbewirtschaftung auch zukünftig erfolgen sollte, beziehungsweise welche anderen Optionen für die Nutzung dieser Wälder unter ökologischen, ökonomischen und sozialen Gesichtspunkten möglich sind. Ziel ist es, den multifunktionalen Anspruch von Niederwäldern in einem konkreten Raum-Zeit-Bezug darzustellen und Leitbilder hierfür zu entwickeln.

Dritter Baustein des Projektes ist schließlich die Analyse der Bedeutung und Akzeptanz von Niederwäldern bzw. verschiedenen Managementvarianten aus der Perspektive der Stakeholder wie z.B. staatlicher und privater Naturschutz, staatliche Forstverwaltung, private und kommunale Grundeigentümer, Jagd, Tourismus. Die Ergebnisse haben damit eine hohe Bedeutung im Rahmen der Politikberatung. Sie werden zu praktischen Handlungsanweisungen für Waldbesitzer, Naturschutz, Regionalpolitik und -wirtschaft verdichtet und über Transfermaßnahmen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

Die Untersuchungen umfassen drei verschiedene räumliche Ebenen: Als oberste Ebene, insbesondere im Hinblick auf die Typisierung von Niederwäldern und den Praxistransfer, dient das Land Rheinland-Pfalz. Auf der Ebene des Landschaftraums (eine Schwerpunktregion) erfolgen Stakeholderbefragungen, die auf der dritten Ebene der Versuchsflächen mit konkreten naturschutzfachlichen, waldbaulichen und nutzungsorientierten Aussagen unterfüttert werden. Zwischen den verschiedenen Untersuchungsebenen erfolgt eine räumliche Extrapolation, die in erster Linie über die landesweite Typisierung erreicht wird.

Der transdisziplinäre Anspruch des Projektes spiegelt sich darin wider, dass die Stakeholder in den Forschungsprozess integriert sind und diesen auch mitgestalten können. Breit interdisziplinär ist das Vorhaben insofern, als verschiedene Fachgebiete mit unterschiedlichen Methoden, die das ganze Spektrum von vegetationsökologischen, standortskundlichen, waldwachstumskundlichen, waldbaulichen und arbeitswissenschaftlichen bis hin zu sozial-empirischen Ansätzen umfassen, in enger Kooperation ein komplexes Problem lösen helfen.

Projektleiter ist das Institut für Forstbenutzung und Forstliche Arbeitswissenschaft der Albert Ludwigs-Universität in Freiburg. Projektpartner sind das Institut für Landespflege (Uni Freiburg) und das Waldbau-Institut (Uni Freiburg) und die Forschungsanstalt für Waldökologie und Forstwirtschaft Rheinland-Pfalz in Trippstadt. Gefördert wird das Projekt durch die Deutsche Bundesstiftung Umwelt.